Nationales Pilotprogramm «progress!»

Sicherheit bei Blasenkathetern

Harnwegsinfektionen gehören zu den häufigsten im Spital erworbenen Infektionen. Meist ist ein Blasenkatheter daran schuld. Ein drittes nationales progress!-Programm soll unter der Maxime «seltener, kürzer, sicherer» die Einsatzhäufigkeit und Einsatzdauer von Blasenkathetern reduzieren sowie die Sicherheit bei der Einlage erhöhen.

Sechs Prozent aller Patienten und Patientinnen erleiden während eines Spitalaufenthalts eine nosokomiale Infektion (Punktprävalenz-Erhebung Swissnoso 2017). Den höchsten Anteil bei den im Spital übertragenen Infekten stellen postoperative Wundinfektionen und Pneumonien dar, gefolgt von Harnwegsinfektionen und Blutstrominfektionen. In der Schweiz machen Harnwegsinfektionen 15 Prozent aller nosokomialen Infekte aus. Und das Problem ist relevant, denn Blasenkatheter ‑ Hauptinfektionsquelle für Harnwegsinfekte ‑ werden häufig verwendet: Jede sechste hospitalisierte Person erhält hierzulande einen Blasenkatheter. In 3 bis 7 Prozent pro Tag birgt er das Risiko einer Bakteriurie. Nach 30 Kathetertagen weisen trotz ordnungsgemässer Pflege alle Patienten eine Bakteriurie auf. Ein Viertel davon erkrankt an einer Infektion. Nicht ohne Folgen: Nosokomiale Harnwegsinfektionen führen zu verlängerten Spitalaufenthalten sowie Folgebehandlungen und haben somit auch ökonomische Konsequenzen. Ein zusätzliches Problem sind nicht-infektiöse Komplikationen, also Verletzungen durch Blasenkatheter. Internationale Studien zeigen, dass mit spezifischen Interventionen sowohl die Häufigkeit als auch die Dauer der Kathetereinsätze massgeblich gesenkt werden können. Damit einhergehend sinkt das Infektions- und Verletzungsrisiko.

Programmschwerpunkte

Das von Patientensicherheit Schweiz und Swissnoso gemeinsam lancierte Pilotprogramm stellt den Spitälern erstmals eine konkrete Handlungsanleitung mit einem evidenzbasierten Interventionsbündel zum sicheren Umgang mit Blasenkathetern zur Verfügung. Sieben Schweizer Spitäler nahmen am Pilotprojekt teil. Daneben wurden sowohl die Fachwelt wie auch die Öffentlichkeit für die Problematik sensibilisiert. Das Programm läuft von 2016 bis 2018. Ergebnisse werden im Spätsommer 2018 bekannt gegeben.

Interventionsbündel mit 3 Zielvorgaben

  1. Blasenkatheter aufgrund von Indikationsliste einlegen
  2. Notwendigkeit des Katheters täglich überprüfen.
  3. Handling von Kathetern erfolgt nur durch geschulte Fachpersonen.

Achsen

  • Interventionsachse 1: Thematisierung, Sensibilisierung und Vermittlung neuer Normen. Visibilität und Präsenz in der Fachwelt und teilweise auch in der Öffentlichkeit.
  • Interventionsachse 2: Vertiefungsprojekt in den Pilotspitälern mit einem Interventionsbündel, das aus wissenschaftlich abgestützten Massnahmen besteht.

Evaluationsinstrumente

  • Surveillance: Die Erhebung der Anzahl Katheterisierungen, der Häufigkeit von infektiösen und nicht-infektiösen Komplikationen sowie der Prozessvariablen erlaubt es, das Verbesserungspotenzial abzuschätzen und die Wirksamkeit der Intervention aufzuzeigen. Eine Messung erfolgte vor der Intervention und eine nach der Intervention.
  • Mitarbeiterbefragung: Das Problembewusstsein ist zentral, deshalb untersuchte eine systematische Befragung der Mitarbeitenden deren Wissen, Werthaltungen und Einstellungen. Eine erste Befragung erfolgt vor Beginn des Vertiefungsprojekts, eine zweite danach.
  • Prozessevaluation: Neben der Surveillance und der Mitarbeiterbefragung bedarf es weiterer projektbezogener Evaluationserhebungen, um Informationen über die Art der Umsetzung, über förderliche und hinderliche Faktoren bei der Umsetzung sowie die Compliance mit den Massnahmen zu erhalten. Die Prozessevaluation erfolgte punktuell über die gesamte Dauer der Verbesserungsperiode.

Pilotprogramm

In einem Vertiefungsprojekt mit sieben Schweizer Pilotspitälern wurden von 2016 bis Ende 2017 Erfahrungen in der Umsetzung eines evidenz-basierten Interventionsbündels gewonnen. Dieses umfasste folgende Elemente:

  • Vorgabe und Implementierung einer klaren Indikationsliste
  • Regelmässige Re-Evaluation der Indikation alle 24 Stunden
  • Handling von Blasenkathetern nur durch geschultes und entsprechend qualifiziertes Personal.

Das Konzept berücksichtigte bewusst die unterschiedlichen Ausgangslagen der Spitäler bei der Umsetzung des Interventionsbündels. Die Pilotspitäler erarbeiteten und bestimmten die Umsetzungsmassnahmen in ihren Betrieben selbst. Für die Durchführung des Vertiefungsprojekts am Pilotspital, resp. den teilnehmenden Organisationseinheiten, war eine interprofessionelle Projektgruppe verantwortlich.

Fachbegleitgruppe

  • Innere Medizin: PD Dr. Manuel Fischler, Chefarzt Medizinische Klinik, Stadtspital WAID, Zürich
  • Ärztliche Vertretung Schweizerische Gesellschaft für Spitalhygiene SGSH: Dr. med. Martin Egger, Chefarzt Medizin, Standort Langnau, Spital Emmental
  • Ärztliche Vertretung Schweizerische Gesellschaft für Urologie SGU: Prof. Fiona Burkhard, stv. Chefärztin Urologie, Inselspital, Bern
  • Akutpflege: Charlotte Förderer-Bührer, Urotherapeutin, KS Schaffhausen
  • Vertretung Pflege Schweizerische Gesellschaft für Spitalhygiene SGSH: Nicole Bartlomé, MPH Fachexpertin für Infektionsprävention im Gesundheitswesen
  • Infektiologie: Dr. med. Urs Führer, Oberarzt Spitalzentrum Biel
  • Pflege Akutversorgung: Rita Willener, Pflegeexpertin MScN, Klinik für Urologie, Inselspital Universitätsspital Bern
  • Notfallaufnahme ärztliche Vertretung:PD Dr. Olivier Hügli, Médecin chef, Service des urgences, CHUV
  • QM, RM: Laurence Cuanillon, Qualitätsverantwortliche CIC Valais, Saxon

Ethikkommission

Das Programm progress! Sicherheit bei Blasenkathetern wurde von der Kantonalen Ethikkommission Bern begutachtet und bewilligt.

Schriftenreihe Nr. 9

Im Rahmen dieses progress!-Pilotprogramms ist die Schriftenreihe Nr. 9 «Sicherheit bei Blasenkathetern» entstanden. Ausgehend von einer Literaturreview zeigt die Schrift Daten zur Epidemiologie, Pathogenese und Diagnostik, stellt bewährte Interventionen vor, beschreibt das von der Stiftung empfohlene Interventionsbündel und liefert Vorschläge für eine effektive Umsetzung. Patientensicherheit Schweiz und Swissnoso stellen den Spitälern so erstmals eine konkrete Handlungsanleitung zum sicheren Umgang mit Blasenkathetern zur Verfügung.

Finanzierung

Wie die beiden anderen Pilotprogramme progress! Sichere Chirurgie und progress! Sichere Medikation an Schnittstellen wird auch dieses Programm im Rahmen der Qualitätsstrategie des Bundes im schweizerischen Gesundheitswesen massgeblich vom Bundesamt für Gesundheit finanziert. Während Swissnoso insbesondere für die Surveillance zuständig ist, leitet Patientensicherheit Schweiz das Gesamtprogramm.

Dr. Stephanie Züllig

Programmleitung
T +41 43 244 14 95, E-Mail

PD Dr. Jonas Marschall

Leiter Surveillance Blasenkatheter Swissnoso
T +41 31 632 99 92, Mail