Nationales Pilotprogramm «progress!»

Sichere Medikation in Pflegeheimen

Das Programm «progress! Sichere Medikation in Pflegeheimen» zielt auf die Reduktion von Polymedikation und den sicheren Umgang mit potenziell inadäquaten Medikamenten bei älteren Menschen in der stationären Langzeitpflege.


In der Schweiz leben etwa 150‘0 00 Menschen in den rund 1‘600 Alters- oder Pflegeeinrichtungen. Bewohner von Pflegeheimen über 65 Jahre nehmen durchschnittlich neun verschiedene Medikamente ein. Polymedikation und potenziell inadäquate Medikamente sind ein Problem in dieser vulnerablen Patientengruppe, denn sie erhöhendas Risiko für unerwünschte Arzneimittelereignisse – also schädliche Ereignisse, die im zeitlichen Zusammenhang mit der Anwendung von Medikamenten auftreten. Ein sicherer Umgang mit Medikamenten und die Vermeidung von Fehlern ist deshalb ein besonders wichtiges Thema in der stationären Langzeitpflege.

Untersuchungen zufolge sind bis zur Hälfte der unerwünschten Arzneimittelereignisse in  Pflegeheimen vermeidbar. Diese Arzneimittelereignisse sind insbesondere auf Fehler in der Verordnung und dem Monitoring zurückzuführen. Mit dem Programm «progress! Sichere Medikation in Pflegeheimen» nimmt sich die Stiftung Patientensicherheit Schweiz diesem wichtigen Thema an. Im Programm sollen im Laufe von vier Jahren Grundlagen und konkrete Umsetzungshilfen für die Erhöhung der Medikationssicherheit in Pflegeheimen entwickelt werden.

Programmschwerpunkte

Hotspot Polymedikation
Von Polymedikation spricht man, wenn Patienten gleichzeitig mehrere Medikamente einnehmen  – typischerweise fünf oder mehr. Mit zunehmendem Alter nimmt die Multimorbidität zu – eine der häufigsten Ursachen der Polymedikation. Gerade Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen nehmen viele und oft zu viele Medikamente ein. Mit jedem zusätzlich eingenommenen Medikament steigt aber das Risiko für unerwünschte Arzneimittelereignisse und Spitaleinweisungen.

Zusätzliches Risiko von potenziell inadäquaten Medikamenten (PIM)
Im Alter werden Medikamentenwirkstoffe vom Körper anders aufgenommen und verarbeitet. So steigt bei gewissen Medikamenten das Risiko für unerwünschte Arzneimittelereignisse. Viele ältere Menschen erhalten aber Medikamente, die möglicherweise mehr schaden als nützen – sogenannte potenziell inadäquate Medikamente. In Alters- und Pflegeinstitutionen ist das Risiko, ein potenziell inadäquates Medikament zu erhalten, besonders hoch. Dazu zählen insbesondere Psychopharmaka wie Neuroleptika und Benzodiazepine.

Programminhalte

Ziel des vierten progress!-Programms ist es, unerwünschte Arzneimittelereignisse bei Bewohnerinnen und Bewohnern von Schweizer Pflegeheimen zu reduzieren. Im Fokus stehen dabei die Polymedikation sowie der sichere Umgang mit potenziell inadäquaten Medikamenten (PIM) bei älteren Menschen. Dabei spielt das regelmässige Überprüfen und Hinterfragen der Medikation und ein konsequentes Monitoring der Nebenwirkungen eine zentrale Rolle.

Verbesserungsmassnahmen zielen deshalb auf:

  • Instrumente, um die Medikation zu überprüfen und Nebenwirkungen zu überwachen
  • Prozessanpassungen
  • Sinnvolle Rollen-, Aufgaben- und Verantwortungszuteilung unter Stärkung der interprofessionellen Zusammenarbeit
  • Weiterbildungsmassnahmen

In mehreren Schritten zu massgeschneiderten Medikationsprozessen

  • In einer ersten Phase wird für eine valide Datenbasis die Ausgangslage in der Schweiz analysiert.
  • Anschliessend werden darauf aufbauend Verbesserungsmassnahmen entwickelt und mit ausgewählten Heimen getestet.
  • Ziel ist es, Empfehlungen für die Problembereiche Polymedikation und PIM zu formulieren, die in verschiedenen Settings umgesetzt werden können.

Fachbegleitgruppe

  • Kerstin Bilinski, RAI Pflegecontrolling und HL Assistenz, Alterswohnsitz Bürgerspital St. Gallen
  • Mélanie Bruhlhart, Apothekerin, Pharmacie interjurassienne, Moutier
  • Prof. Olivier Bugnon, Pharmacien chef et Responsable qualité, Policlinique Médicale Universitaire, Lausanne
  • Sabine Felber, Leiterin Pflege und Betreuung und Mitglied der Geschäftsleitung, Betagtenzentrum Emmen AG
  • Dr. med. Dan Georgescu, Bereichsleiter und Chefarzt des Bereichs Alters- und Neuropsychiatrie, Mitglied der Geschäftsleitung, Psychiatrische Dienste Aargau AG
  • Dr. med. Max Giger, Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter, Fachkommission ZH/SH
  • Dr. med. Rolf Goldbach, Geriatrischer Dienst der Stadt Zürich
  • Saadet Grandazzo, Leiterin Betreuung und Pflege, Alterszentrum Gellert Hof, Bethesda Alterszentren AG
  • Monika Kahindi-Knecht, Fachfrau für Langzeitpflege und Betreuung, Viva Luzern AG Rosenberg
  • Michael Kirschner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fachbereich Menschen im Alter, Curaviva
  • Christian Streit, Geschäftsführer senesuisse
  • Prof. Dr. med. Andreas Stuck, Klinikdirektor und Chefarzt, Inselspital, Geriatrische Universitätsklinik
  • Dr. med. Florian Suter, Geschäftsführer Ärztenetz Nordwest AG
  • Carole Pelletier, Heimleiterin, EMS Lajoux
  • Carlo Vassella, Apotheker, Monte Carasso
  • Dr. Franziska Zúñiga, Institut für Pflegewissenschaft, Universität Basel / Mitarbeiterin Qualitätsmanagement, KZU Kompetenzzentrum Pflege und Gesundheit

Finanzierung

Das vierte Pilotprogramm ist wie die drei bisherigen Pilotprogramme progress! Bestandteil der «Qualitätsstrategie des Bundes im Schweizerischen Gesundheitswesen» und wird massgeblich vom BAG finanziert.

Dr. med. Liat Fishman

Programmleitung
T +41 43 244 14 80, E-Mail