Sicherheit durch Selbstevaluation und Feedback

Das nationale Pilotprogramm «progress! COM-Check – Sichere Chirurgie» hat zum Ziel, die Patientensicherheit in der Chirurgie weiter und nachhaltig zu verbessern. Eine hohe Compliance mit der chirurgischen Checkliste trägt wesentlich dazu bei, dass keine Patientin, kein Patient zu einem vermeidbaren Schaden kommt. Neunzehn Spitäler nehmen am Pilotprogramm von Januar 2020 bis April 2021 teil.

COM-Check steht für Compliance mit der chirurgischen Checkliste. Eine hohe Compliance bedeutet, dass die chirurgische Checkliste vom ganzen Operationsteam konsequent und korrekt angewendet wird. Der Fokus liegt dabei auf den sicherheitsrelevanten Team- und Kommunikationsprozessen.

Checken ist mehr als nur Abhaken!
Im Programm «progress! COM-Check – Sichere Chirurgie» soll die Compliance mit der Checkliste von den Spitälern selbst regelmässig geprüft, durch Feedback verbessert und durch Verlaufsmessungen nachhaltig auf hohem Niveau gehalten werden. Die Stiftung Patientensicherheit Schweiz unterstützt die Pilotbetriebe beim Aufbau von internen Strukturen und Kompetenzen zur Erhebung der Compliance mit der chirurgischen Checkliste und beim Einleiten von Verbesserungsprozessen durch Beobachtung und Feedback.

Die eigens dafür entwickelten Instrumente werden den Spitälern zur Anpassung an ihre spezifischen betrieblichen Bedingungen zur Verfügung gestellt. Die Projektteams der teilnehmenden Spitäler werden in der Beobachtung und im Feedbackgeben geschult. Die Fähigkeit, kollegiales und lösungsorientiertes Feedback zu geben, ist eine Grundkompetenz von klinischen Führungspersonen und im Teaching.

Wer am Pilotprogramm teilnimmt

Am Pilotprogramm «progress! COM-Check – Sichere Chirurgie» nehmen 19 Spitäler aus der ganzen Schweiz teil. Es sind Spitäler unterschiedlicher Grösse und unterschiedlicher Betriebstypen, vom Universitätsspital bis zum Regionalspital, aber auch Belegarztspitäler und Kliniken mit unterschiedlichen Spezialisierungen. Die teilnehmenden Pilotspitäler haben bereits Erfahrungen mit der chirurgischen Checkliste gemacht und möchten die damit verbundene Sicherheitskultur weiter verbessern.
Das nationale Pilotprogramm «progress! COM-Check – Sichere Chirurgie» (Januar 2020 – April 2021) ist ein Nachfolgeprogramm von «progress! Sichere Chirurgie», welches in den Jahren 2013 bis 2015 umgesetzt wurde. In der Folge des ersten Pilotprogramms wurde der konsequente Einsatz der Checkliste zum Branchenstandard deklariert.

 

Was die Pilotbetriebe tun

In «progress! COM-Check – Sichere Chirurgie» wird die Compliance im Rahmen des internen Qualitätsmanagements systematisch erhoben, durch Feedback verbessert und im Verlauf überwacht. Die Qualität des Checklistenprozesses wird von einem betriebsinternen Beobachtungsteam bestehend aus Leitenden Ärztinnen und Ärzten der Chirurgie und der Anästhesie sowie einer Leitung der OP- oder Anästhesiepflege beurteilt. Sie beobachten die Anwendung der Checkliste und geben dem OP-Team – ihren Kolleginnen und Kollegen – ein unmittelbares, lernförderndes Feedback.

Um blinde Flecken zu vermeiden und das gegenseitige Lernen zu fördern, soll das Beobachtungsteam auch jene Teile der Checkliste beobachten, die im Verantwortungsbereich einer anderen Profession liegen. So beobachtet das chirurgische und pflegerische Personal auch das Sign In und das anästhesiologische Personal das Sign Out.
Am Ende einer Messperiode analysiert das Projektteam die aggregierten Compliance-Daten und leitet bei Bedarf weitere Verbesserungsmassnahmen ein, wie zum Beispiel eine Anpassung der aktuell verwendeten Checkliste oder den dazugehörigen Richtlinien, Schulungen für den Checklistenkoordinator oder für neues OP-Personal, Entwicklung von strukturellen Hilfsmitteln wie z. B. einer Poket Card sowie die Planung der nächsten Verlaufsmessung.

 

Checklisten-Compliance in der Schweiz

Die chirurgische Checkliste ist heute in den meisten Schweizer Spitälern eingeführt und wird im Grundsatz akzeptiert. Das zeigen Interviews, die Patientensicherheit Schweiz von Januar bis März 2019 mit Checklisten-Verantwortlichen in Chirurgie, Anästhesie, OP-Pflege und OP-Management aus unterschiedlichen Spitälern und ambulant-chirurgischen Praxen geführt hat.

Allerdings erhebt von den 16 befragten Gesundheitseinrichtungen nur ein Spital kontinuierlich und systematisch die Compliance mit der chirurgischen Checkliste. Doch alle Interviewten schätzen die Häufigkeit, mit der die Checkliste in ihrem Haus zum Einsatz kommt, auf über 90 Prozent der Operationen. Kritischer fällt ihre Beurteilung zur Qualität der Durchführung aus. Auch bei einer erfolgreich eingeführten Checkliste schleichen sich mit der Routine Nachlässigkeiten ein. Es werden z. B. nicht mehr alle Checklistenpunkte mit der gleichen Konsequenz bearbeitet, die Aufmerksamkeit nimmt ab oder Bedenken werden bei Zeitdruck nicht geäussert.
Diese Erfahrungen werden durch nationale Studien bestätigt, die Lücken in der Compliance und beim Erfassen von dieser aufzeigen (Cullati et al. 2013; Schwendimann et al. 2019; Seppey, Oesch, and Viehl 2019).

Wie Compliance definiert und was gemessen wird
Die Compliance mit der chirurgischen Checkliste umfasst die Häufigkeit und Vollständigkeit der Checklistenanwendung sowie die Qualität der Durchführung. Das heisst, dass die chirurgische Checkliste immer und bei jeder Operation angewendet wird und dass alle Checklistenteile und alle Checklistenpunkte vollständig bearbeitet werden. Eine hohe Qualität im Checklistenprozess zeigt sich zum Beispiel darin, dass alle Beteiligten anwesend sind, der Prozess klar geleitet wird, das OP-Team aufmerksam und engagiert ist und die relevanten patientenspezifischen Informationen geteilt werden.

Die chirurgische Checkliste

Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2009 publizierte Surgical Safety Checklist wurde von der Stiftung Patientensicherheit Schweiz für die Schweiz adaptiert (2012) und im Rahmen des Programmes «progress! Sichere Chirurgie» (2013 – 2015) in der Schweiz verbreitet. Sie steht seither den Akutspitälern und ambulant chirurgischen Kliniken in den drei Sprachen deutsch, französisch und italienisch kostenlos zur Verfügung.

Die chirurgische Checkliste besteht aus drei Teilen, die zu drei verschiedenen, klar definierten Zeitpunkten im Operationsprozess zur Anwendung kommen. Der erste Teil - das Sign In - wird vor der Anästhesieeinleitung durchgeführt, der zweite Teil - das Team Time Out - vor dem Schnitt und der dritte Teil - das Sign Out - am Operationsende. Die Checkliste beinhaltet zwei Arten von Checklistenpunkten. Die einen benötigen eine Kontrolle wie das Prüfen der Patientenidentität, die anderen dienen dem Informationsaustausch innerhalb des Operationsteams. Dazu gehört der Austausch zum geplanten Operationsprozedere sowie zu möglichen Risiken.

Die chirurgische Checkliste hat zum Ziel, unnötige Komplikationen bei Operationen zu vermeiden. Die Checkliste erfüllt jedoch nur dann ihren Zweck, wenn sie vom ganzen Operationsteam konsequent, vollständig und richtig angewendet wird. Im Programm «progress! COM-Check – Sichere Chirurgie» wird ein Monitoringsystem eingeführt, bei dem die Compliance mit der chirurgischen Checkliste regelmässig gemessen und durch direkte, lernförderliche Feedbacks an das Operationsteam verbessert bzw. auf hohem Niveau gehalten wird.

Basis ist «progress! Sichere Chirurgie»

Das nationale Pilotprogramm «progress! COM-Check – Sichere Chirurgie» ist ein Nachfolgeprogramm von «progress! Sichere Chirurgie», welches in den Jahren 2013 bis 2015 umgesetzt wurde. Kernstück des Vorgängerprogramms bildete die WHO Surgical Safety Checklist, die spezifisch für die Schweiz adaptiert wurde, mit dem Ziel, die Zahl der invasiven Zwischenfälle in der Schweiz zu senken.
Zehn Pilotspitäler führten diese Checkliste in ihrem Betrieb ein und setzten die Empfehlungen der Stiftung um. Das Programm wurde von einer umfangreichen Evaluation unterstützt, die sich auf die Begleitung und Bewertung der Umsetzung der notwendigen Aktivitäten konzentrierte.
Die im ersten nationalen Pilotprogramm entwickelten Grundlagen wie die Schriftenreihe Nr. 5, die Checkliste Sichere Chirurgie, der Umsetzungskoffer mit Hilfsmitteln zur Implementierung der chirurgischen Checkliste im Betrieb sowie das eLearning Programm zur Schulung der Mitarbeitenden stehen den chirurgisch tätigen Institutionen noch immer zur Verfügung.

Erklärung Sichere Chirurgie Schweiz

In der Folge des ersten Pilotprogramms wurde der konsequente Einsatz der Checkliste zum Branchenstandard deklariert. Um dies einzufordern, haben bedeutende Schweizer Gesundheitsorganisationen in einer Charta die Checkliste zur Norm in Schweizer Operationssälen erklärt.

Schriftenreihe Nr. 5 : Sichere Chirurgie

Die Schriftenreihe bildet die Grundlage des Programms «progress! Sichere Chirurgie». Es werden ausführliche Erläuterungen, Hintergrundinformationen und Empfehlungen sowohl für die Einführung des Gesamtkonzeptes als auch für die konkrete Anwendung im Einzelfall formuliert.

Wer das Programm unterstützt

Da Programm ist bei den Fachpersonen breit abgestützt. Folgende Verbände und Organisationen unterstützen das Programm ideell:

• FMCH Foederatio Medicorum Chirurgicorum Helvetica
• FMH Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte
• SBV TOA Schweizerischer Berufsverband Dipl. Fachfrauen/-männer Operationstechnik HF
• LOPS Vereinigung für leitendes OP-Personal und OP-Management
• SIGA/FSIA Schweizerische Interessen-gemeinschaft für Anästhesiepflege
• H+ Die Spitäler der Schweiz

«progress! COM-Check – Sichere Chirurgie» wird vom BAG finanziell unterstützt.

Anita Imhof MSc
Programmleiterin

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