progress! Sichere Medikation in Pflegeheimen

Polymedikation und potenziell inadäquate Medikation (PIM) bergen grosse Risiken für die Behandlungssicherheit der Bewohnerinnen und Bewohner in Alters- und Pflegeheimen. Das nationale Pilotprogramm «progress! Sichere Medikation in Pflegeheimen» der Stiftung Patientensicherheit Schweiz leistet einen Beitrag zur Reduktion von unerwünschten Arzneimittelereignissen in der stationären Langzeitpflege von Betagten.

Programmübersicht

«progress! Sichere Medikation in Pflegeheimen» umfasst ein Grundlagenprojekt (Dezember 2016 bis Dezember 2018) und ein Vertiefungsprojekt (Januar 2019 bis Juni 2021). Das verantwortliche Projektteam der Stiftung wird durch eine externe Fachbegleitgruppe unterstützt.

Das Programm für eine bessere Qualität in der Patientenversorgung von pflegebedürftigen älteren Menschen ist das vierte nationale Pilotprogramm der Stiftung Patientensicherheit Schweiz im Rahmen der Qualitätsstrategie des Bundes im Schweizerischen Gesundheitswesen und wird finanziell unterstützt durch das Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Grundlagenprojekt

Ende 2018 hat Patientensicherheit Schweiz das Grundlagenprojekt zur sicheren Medikation in Pflegeheimen erfolgreich abgeschlossen. Das Executive Summary des Schlussberichts zum Grundlagenprojekt fasst die wichtigsten Leistungen, Erkenntnisse und Ergebnisse dieses zweijährigen Teilprojekts von «progress! Sichere Medikation in Pflegeheimen» zusammen. Dazu gehören die Bestandesaufnahme und Analyse der Medikationsprozesse in Schweizer Pflegeheimen, die Identifikation primärer Handlungsfelder sowie die Entwicklung erster Massnahmen zur Optimierung der Medikation.

Die wissenschaftliche Evidenz dazu lieferten eine Online-Befragung von Pflegedienstleitungen in Heimen, explorative Interviews mit zwölf Heim- und Hausärzten, die Analyse und Auswertung von einschlägiger internationaler Fachliteratur und Forschungsprojekten, sowie der kontinuierliche Austausch mit Expertinnen und Experten.

Das Grundlagenprojekt wurde unterstützt durch das BAG sowie durch Zuwendungen des Qualitäts- und Forschungsfonds LOA IV/1 und der Hanela-Stiftung.

Vertiefungsprojekt

Im Vertiefungsprojekt von «progress! Sichere Medikation in Pflegeheimen» ab 2019 werden zunächst Qualitätsstandards für die sichere Verordnung und Überwachung der Medikation im Detail definiert. Dabei geht es zum Beispiel um Folgendes: Für die Auswahl der Medikamente findet eine gute Nutzen-Risiko-Abwägung statt. Oder das gesamte interprofessionelle Behandlungsteam ist informiert über das Vorgehen bezüglich der Medikation. Dadurch soll verhindert werden, dass verschriebene Arzneimittel unkritisch über eine längere Zeit verabreicht werden.

Anschliessend rekrutiert die Stiftung rund zehn Pilotbetriebe. Es sind dies Pflegeheime und mit ihnen assoziierte Arztpraxen in zwei Regionen der Schweiz und mit unterschiedlichen strukturellen Rahmenbedingungen.

Bis Herbst 2020 sollen die Pilot-Heime und -Ärzte die Qualitätsstandards in die tägliche Versorgung der Heimbewohnenden integrieren, wobei die Abläufe optimal auf die Situation vor Ort abgestimmt werden. Schulungen und Umsetzungshilfen wie zum Beispiel Dokumentationsvorlagen und Checklisten sollen die teilnehmenden Gesundheitsfachpersonen dabei unterstützen.

In der abschliessenden Evaluation werden die Umsetzung der Qualitätsstandards, die Benutzerfreundlichkeit der Umsetzungshilfen sowie die Wirksamkeit der Verbesserungsmassnahmen überprüft.

In der Schlussphase des Vertiefungsprojekts bis Juni 2021 werden einerseits die gemeinsamen Erfahrungen und Lessons Learned zusammengetragen, ausgewertet und in kompakten schriftlichen Empfehlungen verarbeitet. Andererseits werden die Umsetzungshilfen veröffentlicht, die aufgrund der praktischen Erfahrungen und Erkenntnisse während der Pilotphase optimiert worden sind.

Die Empfehlungen und Umsetzungshilfen von «progress! Sichere Medikation in Pflegeheimen» stehen anschliessend sämtlichen Alters- und Pflegeheimen in der Schweiz zur Verfügung.

Polymedikation und PIM

Ältere Menschen haben oft gleichzeitig mehrere Krankheiten, in der Fachsprache Multimorbidität. Mit zunehmendem Alter nimmt diese zu. In der Schweiz ist Polymedikation oder Polypharmazie bei Betagten, typischerweise definiert als die gleichzeitige Verordnung von fünf oder mehr Medikamenten, weit verbreitet. Wer im Alters- und Pflegeheim lebt, erhält in der Regel viele, oft auch zu viele Medikamente. Mit jedem zusätzlichen Medikament steigt jedoch das Risiko für unerwünschte Arzneimittelereignisse (UAE) und Spitaleinweisungen.

Im Verlaufe eines Lebens nimmt der menschliche Körper die Wirkstoffe von Medikamenten unterschiedlich auf und verarbeitet sie auch anders. Bei bestimmten Arzneimitteln steigt im Alter das Risiko für UAE. Im Pflegeheim ist das Risiko für eine potenziell inadäquate Medikation (PIM) besonders hoch. PIM sind Medikamente, die möglicherweise mehr schaden als nützen. Als PIM zählen insbesondere Medikamente aus der Gruppe der Psychopharmaka, aber auch eine ganze Reihe von anderen Wirkstoffen wie zum Beispiel bestimmte Schmerzmittel und Medikamente gegen Übelkeit.

Medikation in Pflegeheimen

Gemäss Statistik des Bundes leben in der Schweiz zirka 150‘000 Menschen in rund 1‘600 betreuten Alters- und Pflegeheimen. Sie sind sehr unterschiedlich organisiert in Bezug auf die ärztliche und pharmazeutische Betreuung. Dies beeinflusst den Medikationsablauf.

So gaben zum Beispiel in einer Online-Befragung der Stiftung Patientensicherheit Schweiz im Herbst 2017 etwa zwei Drittel der teilnehmenden Heime an, dass die Bewohnenden ausschliesslich durch externe Ärztinnen und Ärzte betreut werden. In einem Drittel der Heime werden sie zu einem Grossteil betreut durch entweder Heimärzte – angestellte Ärzte oder solche mit einem Heim-Vertrag – oder in Zusammenarbeit mit externen Hausärzten. Weiter zeigte die Befragung: Es gibt grosse Unterschiede in Bezug auf die Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Heimapotheken.

Eine Studie zur Situation in der Schweiz zeigt: Heimbewohnende über 65 Jahre nehmen durchschnittlich neun verschiedene Medikamente ein. Untersuchungen aus anderen Industrieländern zeigen: Bis zur Hälfte der unerwünschten Arzneimittelereignisse (UAE) in Pflegeheimen wären vermeidbar. Sie sind in vielen Fällen zurückzuführen auf Fehler bei der Verordnung oder Überwachung der Medikation.

Artikel und Interview

Eine Befragung von Patientensicherheit Schweiz bei Pflegedienstleitungen zeigt: Die Systematik beim Überprüfen der Therapie mit Medikamenten fehlt weitgehend. Das Fördern der systematischen Überprüfung und die interprofessionelle Zusammenarbeit könnten einen wichtigen Beitrag leisten, damit weniger oder nur die absolut notwendigen Medikamente abgegeben werden. Artikel von Lea Brühwiler, Andrea Niederhauser und Liat Fishman in der Fachzeitschrift «Curaviva» 3/18.

Im Interview dazu sagt Programmleiterin Liat Fishman von der Stiftung Patientensicherheit Schweiz: «Bei einem 90-Jährigen macht es möglicherweise keinen Sinn mehr, ein Medikament zu verschreiben, das in zehn Jahren einen Herzinfarkt verhindern soll. Im Vordergrund sollte ganz besonders die Lebensqualität stehen.»

Fachbegleitgruppe

  • Kerstin Bilinski, RAI Pflegecontrolling und HL Assistenz, Alterswohnsitz Bürgerspital St. Gallen (bis 12/2018)
  • Mélanie Bruhlhart, Apothekerin, Pharmacie interjurassienne, Moutier
  • Prof. Olivier Bugnon, Pharmacien chef et Responsable du Centre de pharmacie communautaire, Policlinique Médicale Universitaire, Lausanne
  • Sabine Felber, Leiterin Pflege und Betreuung und Mitglied der Geschäftsleitung, Betagtenzentrum Emmen AG
  • Dr. med. Dan Georgescu, Bereichsleiter und Chefarzt des Bereichs Alters- und Neuropsychiatrie, Mitglied der Geschäftsleitung, Psychiatrische Dienste Aargau AG
  • Dr. med. Max Giger, Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter, Fachkommission ZH/SH
  • Dr. med. Rolf Goldbach, Geriatrischer Dienst der Stadt Zürich
  • Saadet Grandazzo, Leiterin Betreuung und Pflege, Alterszentrum Gellert Hof, Bethesda Alterszentren AG
  • Monika Kahindi-Knecht, Fachfrau für Langzeitpflege und Betreuung, Viva Luzern AG Rosenberg (bis 12/2018)
  • Michael Kirschner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fachbereich Menschen im Alter, Curaviva
  • Christian Streit, Geschäftsführer senesuisse
  • Prof. Dr. med. Andreas Stuck, Klinikdirektor und Chefarzt, Inselspital, Geriatrische Universitätsklinik (bis 12/2018)
  • Dr. med. Florian Suter, Geschäftsführer Ärztenetz Nordwest AG
  • Carole Pelletier, Heimleiterin, EMS Lajoux
  • Carlo Vassella, Apotheker, Monte Carasso
  • Dr. Franziska Zúñiga, Institut für Pflegewissenschaft, Universität Basel; Mitarbeiterin Qualitätsmanagement, KZU Kompetenzzentrum Pflege und Gesundheit
  • Christian Streit, Geschäftsführer senesuisse
  • Prof. Dr. med. Andreas Stuck, Klinikdirektor und Chefarzt, Inselspital, Geriatrische Universitätsklinik
  • Dr. med. Florian Suter, Geschäftsführer Ärztenetz Nordwest AG
  • Carole Pelletier, Heimleiterin, EMS Lajoux
  • Carlo Vassella, Apotheker, Monte Carasso
  • Dr. Franziska Zúñiga, Institut für Pflegewissenschaft, Universität Basel; Mitarbeiterin Qualitätsmanagement, KZU Kompetenzzentrum Pflege und Gesundheit

Dr. Simone Fischer
Programmleiterin
+41 43 244 14 92
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