Speak up: Sicherheitsbedenken ansprechen!

Bei der Analyse von Fehlern in der Medizin zeigte sich, dass es immer wieder Situationen gibt, bei denen ein Teil der Beteiligten realisierte, dass ein Risiko bestand, sich aber nicht äusserte oder nicht gehört wurde: Wenn jemand im Raum war, der wusste, dass es nicht gut läuft, ist es für alle Beteiligten besonders tragisch. Deshalb wollte die Stiftung etwas tun. Patientensicherheit Schweiz hat das Thema im Rahmen eines Forschungsprojekts für die Schweiz aufgearbeitet. Daraus wurden Empfehlungen entwickelt: die Schriftenreihe Nr. 8. Dazu lancierte die Stiftung ein Monitoringinstrument: den"Speaking up about patient safety questionnaire (SUPS-Q)".

Hintergrund

Im Gesundheitswesen erschweren Hierarchiestrukturen oft die Kommunikation. Der Umgang mit ethischen Dilemmata und hohem Zeitdruck tut das Übrige dazu. Sicherheitsbedenken anzusprechen, ist also nicht immer einfach. Wenn Mitarbeitende dann trotz Bedenken schweigen, ist das oft das Resultat eines komplexen Abwägens. Betroffene befürchten, Beziehungen zu gefährden, Kollegen blosszustellen oder Patienten zu verunsichern. Studienergebnisse aus den USA veranschaulichen das Problem: In der «Silence kills» Studie von Maxfield et al. aus dem Jahr 2005 hatten mehr als die Hälfte der befragten Fachpersonen Fehler, Regelverletzungen oder inkompetentes Verhalten beobachtet. Jedoch nur eine von zehn Personen hatte ihre Bedenken mit dem Betreffenden besprochen. Patientensicherheit Schweiz hat das Thema nun im Rahmen eines Forschungsprojekts für die Schweiz aufgearbeitet.

Studie «Speak Up in der Onkologie»

Vom Februar 2013 bis April 2014 führte Patientensicherheit Schweiz eine von der Krebsforschung Schweiz finanzierte Studie zum Thema «Kommunikation von Sicherheitsbedenken in der Onkologie» durchgeführt, die qualitative Interviews und eine schriftliche Befragung beinhaltete.

  • Die Ergebnisse zeigen, dass Mitarbeitende beider Berufsgruppen häufig Situationen erleben, die Nachfragen, Hinweise und Abklärung erfordern. Ärzte und Pflegende benutzen oft non-verbale Kommunikation wie Gesten und Mimik um Kollegen auf Sicherheitsregeln und -bedenken hinzuweisen (zum Beispiel das Reichen eines Mundschutzes ohne zu verbalisieren.
  • Die Berichte der Spitalmitarbeitenden zeigten deutlich, dass es in der Onkologie eine gut etablierte Kultur zur Kommunikation in Bezug auf die Medikationssicherheit gibt (z.B. Unklarheiten oder Fehler bei Verordnungen). Im Gegensatz dazu existieren aber auch Bereiche, in denen das Ansprechen von Sicherheitsbedenken deutlich schwerer fällt. Verletzungen von Sicherheitsregeln oder -standards im Bereich der Hygiene, der Isolation, bei invasiven Prozeduren aber auch Zweifel an Behandlungsentscheiden werden oft nicht ausgesprochen.
  • Viele Mitarbeitende berichten, dass es oft schwer ist, den „richtigen Ton in der richtigen Situation“ zu treffen. Gerade jüngere und tieferrangige Mitarbeiter wägen genau ab, ob und wie sie Kollegen oder Vorgesetzte auf einen Fehler oder ein Risiko hinweisen und halten Bedenken häufig zurück. Der Motivation, die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten, steht die Sorge gegenüber, soziale Beziehungen zu gefährden, Kollegen blosszustellen, die Reaktion des Gegenübers nicht abschätzen zu können, oder Patienten zu verunsichern.
  • Die Kultur in der jeweiligen Abteilung ist ein wichtiger Faktor, der das Schweigen über Sicherheitsbedenken erklärt. Aus den umfangreichen Ergebnissen der Untersuchung lassen sich viele konkrete Hinweise für Verbesserungen der Patientensicherheit in der Praxis ableiten. Insbesondere zeigt die Studie, wie wichtig Kommunikationsfähigkeiten zur Gewährleistung der Patientensicherheit sind. Idealerweise können Fachpersonen multiprofessionell in kurzen zielgerichteten Trainings lernen und verabreden, wie sie sich gegenseitig auf Situationen und Gefahren hinweisen, die die Patientensicherheit gefährden.

Schriftenreihe Nr. 8 – Speak Up

Patientensicherheit Schweiz hat mit der Schriftenreihe «Wenn Schweigen gefährlich ist – Speak Up für mehr Sicherheit in der Patientenversorgung» einen weiteren Praxisleitfaden für das Gesundheitswesen entwickelt. Im Wissen darum, dass Kommunikationsprobleme bei medizinischen Fehlern eine zentrale Rolle spielen, zielt das Thema Speak Up so auf ein entscheidendes Element der interdisziplinären Zusammenarbeit. Analysen von medizinischen Fehlern zeigen, dass ein Teil der Beteiligten sich den Risiken der jeweiligen Situation bewusst waren, aber ihre Bedenken nicht äusserten. Dies gab den Ausschlag zu einer Studie, welche die Situation in der Schweiz analysierte. Daraus ist nun die Schriftenreihe Speak Up entstanden, eine konkrete Handlungsanleitung für die klinische Praxis. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat es ermöglicht, diesen Band zu verfassen und zu produzieren.

Speak Up-Monitoring-Instrument

Bisher fehlte für die Praxis ein Instrument, mit dem die Speak Up Kultur in einer Gesundheitseinrichtung systematisch erfasst und monitorisiert werden kann. Patientensicherheit Schweiz entwickelte deshalb den „Speaking Up about Patient Safety Questionnaire“ (SUPS-Q).

  • Der SUPS-Q ist ein Reporting-Instrument, welches Aspekte zu Speak Up in einer Gesundheitsorganisation erfasst. Die Fragen ermöglichen einerseits das Erfassen der Häufigkeit, mit der wahrgenommene Bedenken und Verhaltensweisen auftreten. Also zum Beispiel, wie oft gewisse Bedenken und Beobachtungen (nicht) angesprochen werden. Anderseits werden mit diesem Fragebogen auch Informationen zu Umgebungsvariablen (z.B. psychologische Sicherheit, Resignation) erhoben, die Hinweise zum Klima in der Organisation geben.
  • Der SUPS-Q kann im Rahmen des Risikomanagements, in der Patientenversorgung und in der Versorgungsforschung eingesetzt werden. Er ist für alle klinisch tätigen Mitarbeitenden im Spital mit Patientenkontakt, unabhängig vom Fachgebiet oder der konkreten Funktion, anonymisiert anwendbar. Der Fragebogen richtet sich vor allem an Ärzte und Pflegefachpersonen.
  • Mit der Auswertung kann der IST-Zustand gemessen werden und es sind auch Vergleiche zwischen Organisationseinheiten, Personengruppen, etc. möglich. Bei wiederholtem Einsatz des SUPS-Q können zudem Veränderungen über die Zeit erfasst werden, so kann auch der Effekt von Interventionen mit dem SUPS-Q beurteilt werden.

Der Fragebogen kann in Deutsch, Französisch und Italienisch als elektronisches Dokument bestellt werden. Als Auswertungshilfe wird ein Handbuch (D, F) zur Verfügung gestellt.

Prof. Dr. David Schwappach, MPH

Leiter Forschung und Entwicklung, stv. Geschäftsführer
T +41 43 244 14 80, Mail

Lynn Häsler, MSc

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
T +41 43 244 14 89, Mail