Patientensicherheit im ambulanten Sektor

Die Patientensicherheitsbewegung war über lange Zeit stark auf den stationären Bereich ausgerichtet. Entsprechend liegen für den ambulanten Sektor deutlich weniger Forschungsarbeiten und geeignete Massnahmen vor. Deshalb widmet sich die Stiftung Patientensicherheit Schweiz nun verstärkt diesem Bereich.

Der ambulante Sektor gewinnt innerhalb des Schweizer Gesundheitssystems weiter an Bedeutung, denn:

  • Die überwiegende Zahl von Patientenkontakten finden im ambulanten Bereich statt. 
  • Spitalaufenthalte werden immer kürzer, wodurch Nach- und Weiterbehandlungen in den ambulanten Bereich verlagert werden.
  • Therapien werden zunehmend ambulant durchgeführt, auch komplexe Behandlungen und solche mit erhöhtem Risiko.
  • Der soziodemographische Wandel und eine steigende Anzahl chronisch und/oder multipel erkrankter Personen führt zu einem erhöhten Bedarf in der ambulanten Versorgung.

Warum Forschung und Entwicklungen nötig sind
Die OECD hat 2018 Zahlen zum Auftreten von Fehlern im ambulanten Bereich und den damit verbundenen Kosten veröffentlicht. Die Schätzungen zeigen, dass weltweit Sicherheitsprobleme im ambulanten Sektor häufig, folgenreich und oftmals vermeidbar sind:

  • Bis zu vier von zehn Patienten kommen im Laufe ihrer ambulanten Versorgung zu Schaden.  
  • Bis zu 80% der Patientenschäden sind vermeidbar.
  • Die resultierenden Kosten durch zusätzliche Untersuchungen, Behandlungen und Hospitalisationen liegen bei rund 2.5 % der nationalen Gesundheitsausgaben.

Dies zeigt: Vertieftes Wissen über die Entstehung und Vermeidung von Sicherheitsproblemen im ambulanten Bereich ist erforderlich. Geeignete Massnahmen zur Stärkung der Patientensicherheit müssen entwickelt und implementiert werden.

Was Patientensicherheit Schweiz aktuell tut
Gemeinsam mit der FMH erarbeitet die Stiftung eine Auslegeordnung zu erfolgsversprechenden Ansätzen und Massnahmen für die Förderung der Patientensicherheit in der ambulanten ärztlichen Versorgung. Dies soll die Grundlage bilden für gezielte weitere Aktivitäten und Projekte zur Reduktion von Sicherheitsrisiken in der Versorgung.
 

Risiken in der Grundversorgung

Patientensicherheit Schweiz hat unter Mitwirkung von über 400 Praxen der Grundversorgung eine für die Schweiz einzigartige Studie durchgeführt. Bei den Praxen handelt es sich um Mitglieder von vier Deutschschweizer Ärztenetzwerken, bei den Befragten um Ärztinnen, Ärzte und Medizinische Praxisassistierende. Die Studie führte zu relevanten Erkenntnissen bezüglich der Art und Häufigkeit von Sicherheitsproblemen in der ambulanten Gesundheitsversorgung. Folgende Bereiche erwiesen sich als besonders handlungsrelevant: Diagnosefehler, Medikationsfehler, Fehler bei der Überwachung von Patienten in der Praxis und Fehler im Bereich Tests und Interventionen. Zudem stellte sich die Triage bei telefonischer Kontaktaufnahme durch Patientinnen und Patienten als eine für die Grundversorgung typische Problematik mit hohem Schadenspotential dar. Im Projekt wurde auch ein Instrument zur Erhebung der Sicherheitskultur in der Grundversorgung entwickelt. Zur Studie

Telefontriage in der Grundversorgung

Die Telefon-Triage bei Kontaktaufnahme von Patienten mit der Arztpraxis ist ein wichtiger Hot-Spot der Patientensicherheit in der ambulanten Grundversorgung.
Die Ergebnisse einer Studie von 2013 von Patientensicherheit Schweiz, in der Ärzte und Medizinische Praxisassistentinnen (MPA) in Schweizer Grundversorgungspraxen befragt wurden, zeigen dies deutlich. So sind Fehleinschätzungen der Dringlichkeit des Patientenanliegens bei Kontaktaufnahme des Patienten mit der Praxis kein seltenes Ereignis.

Ausgangslage
Sie können zudem für die betroffenen Patienten mit ernst zu nehmenden Folgen verbunden sein. Das mit der Telefon-Triage verbundene Risiko hat sowohl für Ärzte als auch für MPAs eine grosse Bedeutung. Zahlreiche Ärzte und MPA würden dieses Risiko für die Patientensicherheit in ihrer Praxis gerne reduzieren. Auch internationale Studien weisen zunehmend auf die Bedeutung der Telefon-Triage für die Patientensicherheit hin. In der Schweiz liegen kaum Erkenntnisse über die Sicherheit der Telefon-Triage in der Grundversorgung vor, obwohl dies für die allermeisten Patienten der primäre Weg für den ersten Versorgungskontakt ist. Patientensicherheit Schweiz hat daher das Projekt Sicherheit der Telefon-Triage in der Grundversorgung lanciert, in dem ein Praxisleitfaden für Ärztinnen und Ärzte sowie MPA in Grundversorgungspraxen entwickelt wurde.

Praxisleitfaden für Mitarbeitende in Hausarztpraxen
Der Praxisleitfaden ist ein Arbeitsinstrument, das Praxisteams darin anleitet, Strukturen und Rahmenbedingungen rund um die Telefon-Triage und ihre Auswirkungen auf die Patientensicherheit gemeinsam zu beleuchten. In einem zweiten Schritt untertützt der Leitf aden  die Praxisteams darin, gemeinsam Massnahmen zu entwickeln, um die Sicherheit der Telefon-Triage in den Praxen zu stärken. Hierzu gibt der Leitfaden jeweils konkrete Fragen vor, mit deren Hilfe sich Ärzte und MPA austauschen können. Für die Entwicklung von Inhalt und Form des Praxisleitfadens wurden Interviews und Diskussionsrunden mit Hausärztinnen und Hausärzten, Medizinischen Praxisassistentinnen, Lernenden in Hausarztpraxen sowie anderen Fachpersonen aus dem Gesundheitswesen geführt. Den Kern des Leitfadens bilden sieben Module zu den Themen: Erwartungen im Praxisteam, Rückfragen an den Arzt bzw. an die Ärztin, Feedback für die MPA, Kommunikation und Kommunikationsgefässe, Fallbesprechungen, Lernende in der Praxis und Arbeits(platz)gestaltung.

Der Leitfaden steht als Schriftenreihe Nr. 6 als pdf zur Verfügung.

Die Schriftenreihe Nr. 6 kann aber auch in Papierform im Shop bestellt werden.

Apothekenkunden mit Migrationshintergrund

Zwischenfälle im Zusammenhang mit Arzneimitteln sind bei Migranten besonders häufig. Eine Ursache dafür ist die oftmals eingeschränkte Kommunikation. Eine gute und sichere medizinische Beratung wird bei Patienten mit Migrationshintergrund häufig zu einer Herausforderung. Die Apotheken nehmen aber für die gesundheitliche Versorgung der Migranten eine zentrale und bedeutsame Funktion ein. Eine von Patientensicherheit Schweiz durchgeführte Studie belegt nun erstmals, dass befragte Apothekerinnen und Apotheker die Arzneimitteltherapie von Migranten im Vergleich zu anderen Kundengruppen als weniger sicher einschätzen. Verbesserungsmassnahmen sind demzufolge erforderlich. Das Interesse der Apotheker an Hilfsmitteln, wie einer Etiketten-Software sowie online verfügbaren fremdsprachigen Texten aber auch Piktogrammen und bebilderte Instruktionsvorlagen ist gross. Ausgehend von den Studienergebnissen wurde von einem externen Anbieter ein Weiterbildungsmodul zum Thema „Religionen- und Sprachenvielfalt in der Apotheke“ entwickelt.

Schlussbericht 2012

Offizin-Apotheken als Informationsquelle

Übergänge zwischen Behandlungssektoren gehören zu den potenziell gefährlichen Phasen hinsichtlich der Medikationssicherheit. Zur Verhinderung von Fehlern hat sich der systematische Medikationsabgleich als wirksame Massnahme erwiesen. Da Patienten Offizin-Apotheken häufig im Sinne einer Stamm-Apotheke nutzen, zielte dieses Projekt darauf, die Rolle und die Möglichkeiten der Offizin-Apotheken als Informationsquelle für die Erhebung der Medikationsanamnese bei Spitaleintritt zu explorieren. Das Projekt lief als Erhebung von Mai bis Ende 2015. Es wurde von pharmaSuisse finanziert. Die Studie zeigte, dass befragte Apotheken über Stammkunden gut Bescheid wissen, wobei es aber auch Informationslücken hat. Apotheken verfügen somit über Informationen, die für die Erstellung einer vollständigen prästationären Medikationsliste wichtig sind. Sie wären bereit, vermehrt daran mitzuwirken, wünschen aber auch Informationen beim Spitalaustritt. Der Informationsaustausch zwischen Offizin-Apotheken und Spitälern könnte also die Medikationssicherheit verbessern, die Bereiche Datenschutz, Informationsweiterleitung und Prozesse sowie eine gegenseitige Anerkennung von Kompetenzen müssen diskutiert und geklärt werden.
Executive Summary
Ergebnisbericht

Dr. Katrin Gehring
Leiterin Arbeitsbereich ambulanter Sektor
+41 43 244 14 95
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