Tagung für Topkader im November 2019

Patientensicherheit und Kostendruck: Strategien und Lösungen zur Vereinbarkeit von Qualität und Wirtschaftlichkeit

Das Topmanagement im Spital muss Kosteneffizienz, Qualitätssicherung und eine exzellente Patientenversorgung unter einen Hut bringen. Doch sind Patientensicherheit und Rentabilität überhaupt vereinbar? Diese Frage stand im Zentrum einer internationalen Tagung für Topkader im Schweizer Gesundheitswesen, die vom 15. bis 16. November in Zürich stattfand. Eingeladen hatte die Stiftung Patientensicherheit Schweiz. Die Voten der namhaften Referierenden aus der Schweiz und dem englischsprachigen Raum zeigten: Es gibt keine einfachen Lösungen angesichts der äusserst komplexen Ausgangslage, jedoch konkrete Massnahmen zur Förderung von Sicherheit und Qualität, die auch ökonomisch sind. Voraussetzung sind relevante Daten und ein systemischer Ansatz.

Das Schweizer Gesundheitssystem gehört zu den besten weltweit. Dennoch kommt es häufig zu unbeabsichtigten Fehlern bei der Patientenversorgung, manchmal sogar zu gravierenden Schädigungen. Eine im Spital aufgelesene Infektion, eine Seitenverwechslung bei der OP oder ein Medikationsfehler können grosses menschliches Leid bei den Direktbetroffenen und ihren Angehörigen verursachen. Sie beschäftigen die Versicherer und Gerichte, machen den involvierten Gesundheitsfachleuten zu schaffen und schaden den zuständigen Leistungserbringern

«Wir brauchen verlässlichen Daten»
«Es gibt in der Schweiz nur vereinzelt Daten zur Patientensicherheit», sagte der Direktor der Stiftung Patientensicherheit Schweiz, David Schwappach, an der internationalen Tagung unter dem Titel «Patientensicherheit versus Kostendruck – ein Widerspruch?». Die Veranstaltung der Stiftung für Topkader im Gesundheitswesen hat vom 15. bis 16. November 2019 im Radisson Blu Hotel beim Flughafen Zürich stattgefunden. «Wir brauchen verlässliche Daten über den Zustand der Patientensicherheit, die Analyse von Risiken und die Beobachtung von Trends», so Schwappach.  «Wir erzielen gewisse Erfolge, aber sie sind oft klein und hart erkämpft», sagte er weiter. Er stellte an der gut besuchten Tagung ein aktuelles Forschungsprojekt von Patientensicherheit Schweiz vor, das den Status Quo der Erfassung von «never events» oder schwerwiegenden Ereignissen in Schweizer Akutspitälern untersucht, die als vollständig vermeidbar gelten – es gibt aktuell keine nationalen Zahlen zu Patientenschädigungen in der Schweiz. Dazu hat die Stiftung rund 200 Verantwortliche für das Risikomanagement in Schweizer Akutspitälern befragt. Die Ergebnisse werden Anfang 2020 veröffentlicht.

«Kräfte konzentrieren» dank neuem KVG
Das revidierte KVG, das Anfang 2021 in Kraft tritt und bei dem eine eidgenössische Qualitätskommission Dritte damit beauftragt, neue Qualitätsindikatoren zu entwickeln sowie Studien und Programme zur Qualitätsentwicklung durchzuführen, bezeichnete Schwappach in seinem Referat als eine «Chance, um die Kräfte zu konzentrieren». Zur nachhaltigen Erhöhung der Patientensicherheit brauche es einen Ansatz, der eher auf die organisationale denn auf die individuelle Ebene hinzielt, sagte er: «Wir fokussieren zu wenig auf systembezogene Massnahmen wie etwa die Sicherheitskultur oder das Spitaldesign.»

Statements der Referierenden zu Governance und Leadership
Die beiden Keynote Speaker lieferten interessante Impulse aus Perspektive der Patientensicherheit im internationalen Kontext und fassten zusammen, worum es bei dem anspruchsvollen Thema der Patientensicherheit versus Kostendruck aus Sicht des Topmanagements letztlich geht. «Schlechte Qualität in der Gesundheitsversorgung verursacht beträchtliche Kosten für Patienten, Gesundheitssysteme und Gesellschaften», sagte Johanna Westbrook, Direktorin des Centre for Health Systems and Safety Research am Australian Institute of Health Innovation der Macquarie University. Sam Watson, Senior Vice President am MHA Keystone Center für Patientensicherheit der Michigan Health & Hospital Association, sagte: «Das Gesundheitswesen ist eines der komplexesten Unterfangen von Menschen. Führungskräfte müssen deshalb die klare Vision haben, dass die Patientensicherheit und das Personal Priorität haben.»

Die weiteren Referate behandelten unter anderem: Organisationsmodelle (Governance u. Leadership); die interprofessionelle Zusammenarbeit und Sicherheitskultur im Spital sowie zwischen den Leistungserbringern einerseits und den Akteurinnen und Akteuren in Politik und Behörden, Wirtschaft, Wissenschaft und Patientenvertretungen andererseits; das risikoreiche «hybride» Nebeneinander von Krankenakten aus Papier und elektronischen Patientendaten; das Ärgernis, dass manche Vorgaben für mehr Qualität und Sicherheit Schreibtischtaten sind und sich zu wenig an der realen Arbeitswelt orientieren. Anthony Staines, Programmbeauftragter für Patientensicherheit und Versorgungsqualität bei der Fédération des hôpitaux vaudois (FHV), sagte: «Die Patientensicherheit und die Qualität in der Pflege können nur strategisch und nachhaltig sein, wenn der Aufsichtsrat sie aktiv unterstützt und fördert.»
Andreas Tobler, ehemaliger Professor der Medizinischen Fakultät der Universität Bern und Mitglied des Spitalrats am Universitätsspital Zürich (USZ), meinte: «Gemeinsame Ziele (Visionen) und Werte innerhalb Spitalführung und im Gesamtunternehmen sind entscheidend, um das Spannungsfeld zwischen Kostendruck (Oekonomie) und Patientensicherheit (Medizin) zu überbrücken.» Isabelle Lehn, Pflegedirektorin am Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV), stellte das integrierte Organisationsmodell des CHUV vor, bei dem das Zusammenspiel der einzelnen Berufsgruppen auf allen Linien von der Direktion bis zu den Pflegeteams auf eine kontinuierliche Verbesserung der Qualität und Sicherheit hinwirkten. «Eine Pflegedirektorin arbeitet nicht alleine», konstatierte sie. 

 

Die Referierenden

Prof. Johanna Westbrook, Direktorin, Centre for Health Systems and Safety Research, Australian Institute of Health Innovation, Macquarie University. Mehr zur Person

Sam R. Watson, Senior Vice President, Keystone Center, Patient Safety and Quality, Michigan Health & Hospital Association. Mehr zur Person

Isabelle Lehn, Pflegedirektorin, Centre hospitalier universitaire vaudios (CHUV). Mehr zur Person

Prof. Dr. David Schwappach, MPH, Direktor Stiftung Patientensicherheit Schweiz. Mehr zur Person

Dr. Anthony Staines, Programmbeauftragter Patientensicherheit und Qualität in der Versorgung, Fédération des hôpitaux vaudois (FHV). Mehr zur Person

Prof. Dr. med. Andreas Tobler, Professor em. der Medizinischen Fakultät, Universität Bern, Spitalratsmitglied Universitätsspital Zürich (USZ). Mehr zur Person

Prof. Dr. med. Gregor Zünd, Vorsitzender der Spitaldirektion, CEO Universitätsspital Zürich (USZ). Mehr zur Person

 

Pascal Strupler, Direktor, Bundesamt für Gesundheit (BAG). Mehr zur Person

 

Michael Jordi, Zentralsekretär, Schweiz. Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK). Mehr zur Person

 

 

 

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Patronatspartner

ANQ Nationaler Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken
APS Aktionsbündnis Patientensicherheit e. V., Deutschland
H+ Die Spitäler der Schweiz
IQM Initiative Qualitätsmedizin e.V.
Plattform Patientensicherheit, Österreich
SVS Schweizerische Vereinigung der Spitaldirektorinnen und Spitaldirektoren
Swiss Nurse Leaders