Wie steht es um die Resilienz der Schweizer Gesundheitsorganisationen?

Die Aktionswoche Patientensicherheit vom 14. bis 20. September dreht sich um Resilienz von Systemen als wichtige Voraussetzung für die Patientensicherheit. 570 Mitarbeitende des Gesundheitswesens aller Landesteile haben an einer Umfrage zu ihren Erfahrungen während der Coronavirus-Pandemie teilgenommen. Dabei standen fünf Resilienzfaktoren im Zentrum: Antizi-pieren, Monitorisieren, flexibles und situationsangepasstes Reagieren, Co-Ordinieren und Lernen. Ab 14. September 2020 publiziert die Stiftung dazu an fünf Tagen täglich ein Plakat mit einer Auswahl der rund 2000 Aussagen sowie einen Newsletter, der diese näher beschreibt.

Das Coronavirus stellt unsere Welt auf den Kopf. Insbesondere zu Beginn forderte die Pandemie die Mitarbeitenden und die Einrichtungen des Gesundheitswesens. So galt es, trotz fehlendem medizinischem Wissen Covid19-Erkrankte zu behandeln, trotz mangelnder Testkapazität Diagnosen zu stellen und trotz fehlenden Schutzmaterialien Personal und Patienten zu schützen. Zeitgleich mussten über Nacht Betreuungskapazitäten für infizierte Patienten geschaffen werden, ohne andere zu vernachlässigen. Handlungsanweisungen und Prozesse waren an den dynamischen Pandemieverlauf und die Wissensvermehrung anzupassen. Eine Voraussetzung, damit Gesundheitsfachkräfte und Einrichtungen des Gesundheitswesens Herausforderungen wie eine globale Pandemie bewältigen können, ist Resilienz.

Fünf Resilienzfaktoren – fünf Fragen – fünf Aktionstage – fünf Plakate
Nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Aktionstag Patientensicherheit 2020 am
17. September der «importance of health worker safety» widmet, entschied Patientensicherheit Schweiz, die «Resilienz von Organisationen und Mitarbeitenden im Gesundheitswesen» in den Fokus der diesjährigen Aktionswoche Patientensicherheit zu rücken. Resilienz bezieht sich auf die Fähigkeit eines Systems, auf Herausforderungen und unvorhergesehene Probleme sicher reagieren und eine hohe Qualität in der Betreuung gewährleisten zu können. Sowohl im Routinealltag als auch bei unvorhersehbaren Problemen sind es die Gesundheitsfachkräfte, die situationsangepasst reagieren und stets maximale Patientensicherheit garantieren müssen. Doch Unvorgesehenes birgt Fehlerpotential. Trotzdem hat die Coronavirus-Pandemie gezeigt, dass die Mitarbeitenden dank ihrer Anpassungsfähigkeit grosse Herausforderungen meistern können; umso mehr, wenn sie von ihrem Betrieb mit geeigneten Strukturen und Prozessen unterstützt werden. Um mehr darüber zu erfahren, hat die Stiftung Patientensicherheit im Juni und Juli 2020 eine freiwillige und anonyme Umfrage bei Gesundheitsfachpersonen über die Coronavirus-Pandemie durchgeführt. Die Antworten der 570 Teilnehmenden beschreiben, was während der ausserordentlichen Lage der Coronavirus-Pandemie im Frühling 2020 in Arztpraxen, Apotheken, Spitex, Alters- und Pflegheimen und Spitälern erlebt wurde und was daraus für Schlüsse gezogen wurden. Die Umfrage zielte auf die fünf zentralen Resilienzfaktoren Antizipieren, Monitorisieren, flexibles und situationsangepasstes Reagieren, Co-Ordinieren und Lernen.

Aussagen zu Besuchsverboten, Schutzmassnahmen und Telemedizin
Die Aussagen werden im Verlaufe der nächsten Monate wissenschaftlich ausgewertet. Sie spiegeln jedoch bereits auf einer Metaebene Themen, die schon heute zu reden geben. So thematisierten zahlreiche Teilnehmende das Händeschütteln respektive den Benefit des Verzichts darauf, obwohl es in unserer Kultur tief verankert ist. Beindruckend sind auch die Aussagen zum Wegfall der Hierarchie in der Krise. So beschreiben einige, dass das Fokussieren auf die Aufgaben, Veränderungen deutlich schneller und effektiver umzusetzen half. Auch brachten neue Formen der interdisziplinären Zusammenarbeit Verbesserungen in der Patientenbetreuung. Die in der Öffentlichkeit immer wieder diskutierten Besuchseinschränkungen wurden ebenfalls angesprochen: Patientinnen und Patienten hätten deswegen mehr Ruhe gehabt, was ihnen im Wochenbett oder auch bei intensiven Therapien gutgetan habe. Überdies erfuhr das Personal und deren Gesundheit mehr Aufmerksamkeit: So wurden Ruheräume eingerichtet, Parkplätze zur Verfügung gestellt oder das Personal in der Apotheke vermehrt vor Ansteckung geschützt. In diesem Kontext erlebte die Telemedizin einen regelrechten Boom und vom Hausarzt bis zum Psychiater sind Zoom-Konsultationen heute Alltag. Die Umfrage und die damit verbundenen Aussagen sollen für Mitarbeitende und Führungskräfte des Gesundheitswesens Anregung sein, sich während der Aktionswoche intensiv mit der Widerstands- und Anpassungskraft ihrer Institution auseinanderzusetzen. Diese ist ein wichtiger Faktor für die Patientensicherheit. Die Aussagen werden auszugsweise auf fünf Plakaten pro Sprache publiziert und sind ab 14. September 2020 auf unter www.patientensicherheit.ch/aktionswoche einsehbar. Zahlreiche Organisationen des Gesundheitswesens beteiligen sich erneut mit eigenen Aktionen an der Aktionswoche Patientensicherheit, diese sind ebenfalls auf der Webseite publiziert.

Informationen zur Aktionswoche und Downloads: www.patientensicherheit.ch/aktionswoche

KONTAKT:

Prof. Dr. David Schwappach, Direktor Patientensicherheit Schweiz

Anita Imhof, Projektleiterin der nationalen Aktionswoche

Tel. 043 244 14 87, info@patientensicherheit.ch
 

Fünf Resilienzfaktoren – fünf Fragen

  1. Welche Veränderungen wurden in Ihrem Betrieb während der ausserordentlichen Lage in der Covid-19-Pandemie gemacht, die Sie unbedingt beibehalten wollen?
  2. In welchen Arbeitssituationen war Kreativität und Improvisation notwendig?
  3. Wie hat sich die Zusammenarbeit im Team oder mit anderen Diensten während der Covid-19-Pandemie verändert?
  4. Was hat Ihnen geholfen, sich auf das vorzubereiten, was in der Arbeit auf Sie zukommen wird? Was hat Sie daran gehindert, sich optimal auf die Arbeit vorzubereiten?
  5. Mit welchen Massnahmen hat Ihr Betrieb das körperliche und psychische Wohlbefinden der Mitarbeitenden in dieser ausserordentlichen Lage unterstützt? Was hätten Sie sich zusätzlich als Unterstützung gewünscht?
    Basierend auf dem Konzept «resilient health care system – improving the five resilient abilities is the key to improving healthcare systems.» (Anderson & Ross, 2020)

 

Die Stiftung Patientensicherheit Schweiz setzt sich für eine konstruktive und konsequente Sicherheitskultur im Gesundheitswesen ein. Gemeinsam mit anderen Akteuren im Bereich Public Health lanciert und realisiert die Expertenorganisation nationale Qualitätsprogramme sowie Forschungsprojekte zur nachhaltigen Erhöhung der Patientensicherheit.