Mehr Sicherheit bei Blasenkathetern

Blasenkatheter kommen in Spitälern verbreitet zum Einsatz. Doch die Infektions- und Verletzungsgefahr für Patienten ist erheblich und kann zusätzliche Kosten verursachen. Das nationale Pilotprogramm «progress! Sicherheit bei Blasenkathetern» liefert wissenschaftliche Daten und praxiserprobte Empfehlungen für einen besseren Schutz der Patientinnen und Patienten.

 

Das dritte nationale Pilotprogramm «progress!» im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit zeigt, wie die Behandlungsqualität und die Sicherheit der Patientinnen und Patienten bei der Verwendung von Blasenkathetern verbessert werden kann.

«progress! Sicherheit bei Blasenkathetern» ist das gemeinsame Projekt der Stiftung Patientensicherheit Schweiz und des nationalen Zentrums für Infektionsprävention, Swissnoso. Gemeinsam haben sie ein Interventionsbündel erarbeitet mit dem Ziel, den Einsatz von Blasenkathetern und damit auch die Häufigkeit von Komplikationen in Verbindung mit Blasenkathetern zu reduzieren.

Sieben Pilotspitäler testeten das Interventionsbündel auf seine Wirksamkeit. Die Pilotspitäler sind: Ente Ospedaliero Cantonale EOC Lugano, Hôpital neuchâtelois, Inselspital Bern, Kantonsspital Winterthur, Luzerner Kantonsspital, Spital Lachen und UniversitätsSpital Zürich.

«Interventionsbündel hat sich bewährt»

Nach Abschluss des Projekts zeigt sich: Das Interventionsbündel hat sich in der Praxis bewährt. Es besteht aus den folgenden drei Massnahmen:

  • Seltener: Blasenkatheter werden nur gelegt, wenn eine eindeutige Indikation gemäss Indikationsliste vorliegt.
  • Kürzer: Die Liegedauer von Blasenkathetern ist so kurz wie möglich, die Indikation wird täglich überprüft.
  • Sicherer: Das Legen und Pflegen von Blasenkathetern erfolgt durch speziell und regelmässig geschulte Fachpersonen mit klaren Verantwortlichkeiten.

«Das Interventionsbündel wird in den Pilotspitälern breit akzeptiert», sagt Stephanie Züllig von Patientensicherheit Schweiz, welche das Pilotprogramm leitet. «Es kann dazu beitragen, unnötige Katheterisierungen zu vermeiden und die Liegedauer des Blasenkatheters auf das benötigte Minimum zu beschränken.» Mit dem Pilotprogramm «progress! Sicherheit bei Blasenkathetern» sei man einen wesentlichen Schritt weitergekommen, um die Gesundheit und Sicherheit der Patientinnen und Patienten zu verbessern. «Nun gilt es, das Interventionsbündel auch in anderen Spitälern einzuführen und umzusetzen», so Züllig.

«Wir erreichten, dass Blasenkatheter in den Pilotspitälern nur dann eingesetzt wurden, wenn es medizinisch notwendig war. Dadurch ging die Anzahl Katheter zurück», sagt Jonas Marschall von Swissnoso. Marschall ist Leiter Spitalhygiene am Inselspital Bern und leitete die Surveillance im Rahmen des Pilotprogramms.

Update der Schriftenreihe

Zum Abschluss des Pilotprogramms erscheint ein Update der Schriftenreihe Nr. 9 «progress! Sicherheit bei Blasenkathetern». Darin sind die wichtigsten Eckpfeiler des Pilotprogramms nachgezeichnet, sowie die Er-fahrungen und Erkenntnisse zusammengefasst, die beim Einsatz und der Überprüfung des gemeinsam ent-wickelten Interventionsbündels gewonnen wurden.

Das 12-seitige Update erscheint im kostenlosen Digitalformat in drei Landessprachen. Es richtet sich an Fachpersonen der Ärzteschaft und Pflege, insbesondere in Notfallstationen und der Spitalhygiene, sowie an Verantwortliche für Qualitäts- und Risikomanagement in Akutspitälern.

Zum Pilotprogramm «Sicherheit bei Blasenkathetern»

Das nationale Pilotprogramm «progress! Sicherheit bei Blasenkathetern» startete 2015. In einer ersten Phase sammelte das Programmteam evidenzbasierte Daten zum Thema und definierte das Interventionsbündel. Im anschliessenden Vertiefungsprojekt wurde das Interventionsbündel in den Pilotspitälern umgesetzt und auf seine Wirksamkeit und Benutzerfreundlichkeit überprüft. Dabei kamen drei Evaluationsinstrumente zur Anwendung: Surveillance, Mitarbeiterbefragung und prozessbezogene Evaluation. Die Surveillance durch Swissnoso wurde während jeweils drei Monaten vor und nach Einführung des Interventionsbündels durchgeführt.

In der Mitarbeiterbefragung untersuchte Patientensicherheit Schweiz Wissen und Einschätzungen von Ärzteschaft und Pflege im Umgang mit Blasenkathetern. Sie wurde ebenfalls je vor und nach der Intervention durchgeführt.

Nationale Pilotprogramme «progress!»

«progress! Sicherheit bei Blasenkathetern» ist das dritte nationale Pilotprogramm, das Patientensicherheit Schweiz im Rahmen der «Qualitätsstrategie des Bundes im Schweizerischen Gesundheitswesen» realisiert hat. Die zwei Pilotprogramme davor betrafen die sichere Medikation an Schnittstellen sowie Patientensicherheit in der Chirurgie. Weitere nationale Pilotprogramme «progress!» sind in Planung.

Blasenkatheter – Fakten und Zahlen

Ein Blasenkatheter ist ein Kunststoffschlauch, der über die Harnröhre (transurethral) oder die Bauchdecke (suprapubisch) in die Harnblaseeingebracht wird, um Urin aus dem Körper abzuleiten.

Harnwegsinfekte und -verletzungen in Verbindung mit Kathetern sind ein häufiges und substantielles Gesundheitsrisiko für Patienten. In der Schweiz erhält jede sechste hospitalisierte Person einen Blasenkatheter. In 20 bis 25 Prozent der Fälle fehlt dafür eine klare Indikation.

Blasenkatheter sind eine der Hauptinfektionsquellen für Harnwegsinfekte. Bei allen Patientinnen und Patienten mit einem Blasenkatheter besiedeln Bakterien die Harnwege. Dabei steigt das Risiko für Bakterien im Urin um 3 bis 7 Prozent pro Tag. Nach 30 Tagen weisen alle katheterisierten Patienten trotz ordnungsgemässer Pflege eine Bakteriurie auf. Ein Viertel davon erkrankt an einer symptomatischen Harnwegsinfektion.

Nosokomiale Infektionen sind durch Erreger verursachte Erkrankungen, die während eines Aufenthalts in einer Gesundheitseinrichtung auftreten. In Schweizer Akutspitälern erkrankten letztes Jahr rund 6 Prozent aller Patienten an einer nosokomialen Infektion. Harnwegsinfektionen machen dabei 15 Prozent aller nosokomialen Infekte aus.

www.patiententensicherheit.ch/blasenkatheter