Weniger Wissenslücken bei Arzneimitteln

Am Jubiläumsanlass «i.m@il-Offizin», Arzneimittelinformationen für die Praxis, ging es um die Frage, wie die Brücke von der Wissenschaft zur Praxis zugunsten der Patientensicherheit verbessert werden kann. David Schwappach von Patientensicherheit Schweiz sprach über systembedingte Fehler in Bezug auf die Arzneimittelsicherheit und die Rolle der Apotheker als «Wissensagenten».


Bericht
Rund 60 Personen folgten der Einladung zum Anlass 20 Jahre «i.m@il-Offizin», der am 18. Januar 2019 im Wildt'schen Haus in Basel stattfand. Man wolle nicht nur zurückblicken, sondern auch in Zukunft den «Challenge» des optimalen Zusammenspiels von wissenschaftlicher Evidenz, Gesundheitsfachpersonen und Patientinnen und Patienten proaktiv angehen, sagte Prof. Dr. Kurt E. Hersberger von der Pharmaceutical Care Research Group am Departement Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Basel, Mitinitiant und Herausgeber des Newsletters von «i.m@il-Offizin». «Wir wollen unsere Dienstleistungen verbessern und den Patienten einen noch besseren Support bieten», so der Gastgeber.

Zielgruppengerechte Zusammenfassungen
Im ersten von drei Kurzreferaten beleuchtete der Direktor von Cochrane Switzerland, Dr. Erik von Elm, anhand des pflanzlichen Wirkstoffs Echinacea das Zusammenspiel von wissenschaftlicher Evidenz, Fachperson und Patient. Dabei betonte er mit Verweis auf den Cochrane-Blog «Wissen was wirkt» die Wichtigkeit von allgemein verständlichen, zielgruppengerechten Zusammenfassungen (lay language summaries) für Patientinnen und Patienten und Gesundheitsfachpersonen, die oft unter Zeitmangel leiden würden. Die Evidenz müsse unabhängig sein und bei Behandlungsentscheiden müssten die Patientenpräferenzen berücksichtigt werden, so von Elm.

Ausführungsfehler häufig unterschätzt
David Schwappach, wissenschaftlicher Leiter bei Patientensicherheit Schweiz und der zweite Gastredner am Jubiläumsanlass, beleuchtete die Wissenslücken in der Behandlungskette bezogen auf die Arzneimittelsicherheit anhand von Untersuchungen aus der Praxis. Dabei unterschied er zwischen zwei Fehlertypen. Wissensbasierte Fehler (mistakes) sind zum Beispiel, wenn die Fachperson nicht weiss, dass Medikament x und Medikament y bei Patient z eine spezifische Interaktion auslösen kann: Solche Fehler seien in der Regel sehr stabil, so Schwappach. Hier müsse das Ziel sein, «Wissen zu vermehren, sodass es im entscheidenden Moment abrufbar ist».

Ausführungsfehler (skill-based errors) würden hingegen in der Regel situativ vorkommen, zum Beispiel, wenn man bei der Verschreibung eines Medikaments wiederholt unterbrochen wird und dieses deshalb nicht korrekt dosiert, obwohl man es eigentlich besser weiss. «Solche Ausführungsfehler werden in der Patientensicherheit häufig sehr stark unterschätzt», sagte Schwappach. «Es kann also zu schwerwiegenden Fehlern kommen aufgrund von suboptimalen Rahmenbedingungen.» Die Offizin oder öffentlichen Apotheken seien «Wissensagenten». Ihr «Metawissen» in Bezug auf die Medikationssicherheit könnte ein künftiger Schwerpunkt in der Beratung durch Apotheken sein, so Schwappach.

Bessere Bildungsangebote in E-Health
Vor der Podiumsdiskussion mit anschliessendem Jubiläumsapéro referierte die Hausärztin Dr. Silvana Romerio über die Informationsbedürfnisse von Patienten. Dabei zeigte sie auf anschauliche Weise: Vorbei sind die «paternalistischen» Zeiten, als die Patientin befolgte, was der Hausarzt verordnete. Heute informieren sich Patienten bereits vor der Konsultation – im besten Fall anhand verlässlicher Quellen, so Romerio.

Zwar sei die patientenzentrierte Entscheidung (shared decision making) aufwendig. Doch binde man den Patienten als Sparring-Partner in den Entscheidungsprozess mit ein und gewinne so sein Vertrauen, sei dies letztlich wirksamer. «Dr. Google kann helfen, die Patienten-Arzt-Beziehung zu verbessern, sodass man auf einer anderen Augenhöhe miteinander kommuniziert», sagte Romerio. Dazu brauche es jedoch nicht nur evidenzbasierte Informationen im Netz, sondern auch ein verbessertes Bildungsangebot in E-Health für Gesundheitsfachpersonen.

i.m@il-Offizin
Antibiotikaresistenzen, Blut im Urin, Verbrennungswunden in der Apotheke, Leitsymptom Beinschmerzen: Seit 20 Jahren verbreitet der Newsletter von «i.m@il-Offizin», der am Departement Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Basel herausgegeben wird, alle zwei Wochen Arzneimittelinformationen für die Praxis. Die Kurzartikel in Deutsch und Französisch enthalten referenzierte Informationen und praxisorientierte Zusammenfassungen zu: aktuellen und praxisnahen Themen, neuen Wirkstoffen und Therapien, Guidelines und therapeutischen Empfehlungen sowie unerwünschten Arzneimittelwirkungen und Interaktionen. Zum unabhängigen Fortbildungsmedium gehören neben dem Newsletter eine Webseite sowie Webinare. Der Newsletter wird 23 Mal im Jahr verschickt, hat rund 1'000 Abonnenten mit einer Reichweite von über 3’500 Fachpersonen der Pharmazie und Medizin.

Anna Wegelin, Leiterin Kommunikation Patientensicherheit Schweiz